Ein häufiger Fehler ist, das Seil einfach um den Ast zu wickeln und irgendwo festzubinden. Dadurch entsteht eine Scheuerstelle, durch die Krankheitserreger eindringen. Besser ist ein breiter Gurt oder ein Seil mit einer Unterlage aus Gummi oder Stoff. Die Befestigung am Baum darf nicht in die Rinde einschneiden. Wer unsicher ist, sollte einen Baumkletterer oder einen Fachbetrieb für Baumpflege hinzuziehen. Abspannen erfordert Erfahrung mit Zugrichtung und Hebelwirkung – ein falsch angebrachtes Seil kann den Ast sogar noch stärker belasten.
Beim Lesen des Baumes hilft ein einfacher Griff: Man fährt mit der Hand vom Stamm nach oben und achtet auf die Knospenstellung. Augen, die direkt unterhalb eines Seitentriebs sitzen, treiben später stark aus. Wer dort schneidet, fördert genau den Trieb, den er eigentlich nicht will. Ein sauberer Schnitt setzt immer knapp über einer nach außen weisenden Knospe an. So lenkt man den Saftstrom in die gewünschte Richtung. Ein häufiger Fehler ist der Schnitt über einer nach innen zeigenden Knospe. Der neue Trieb wächst dann in die Krone hinein, kreuzt andere Äste und muss später mühsam entfernt werden.
Wer regelmäßig verbindet, sollte den Verband nach Exsudatmenge wählen und nicht nach Gewohnheit. Ein durchgebluteter oder durchgenässter Verband zeigt, dass die Aufnahme nicht reicht. Wechselt man zu selten, bleibt Flüssigkeit stehen; wechselt man zu oft, reißt man den Heilungsrand auf. Ein Blick auf die Wundränder verrät viel: Sind sie blass, aufgequollen und schmerzhaft, war zu viel Feuchtigkeit im Spiel. Sind sie trocken und rissig, fehlte Schutz. Die richtige Balance ist keine Frage des Gefühls, sondern der Beobachtung.
Kronenbalance: Erst messen, dann feil
Ein typischer Anfängerfehler: alle Triebe auf die gleiche Länge schneiden. Dadurch entsteht eine gleichmäßige, aber blühfaule Krone. Besser ist es, die Triebe unterschiedlich zu behandeln. Starke Triebe kürzt man stärker, schwache gar nicht. Alte, abgetragene Fruchttriebe kann man dagegen ganz entfernen, aber nur, wenn genug junge Triebe als Ersatz vorhanden sind. Sonst reißt die Ernte im nächsten Jahr ab.
Ziergräser schneidet man am besten erst kurz vor dem neuen Austrieb. Wer im Herbst zur Schere greift, weil die Halme unordentlich aussehen, nimmt der Pflanze den natürlichen Winterschutz. Die alten Halme sind keine tote Masse, sondern ein Dach über dem Herz der Pflanze – dem Vegetationspunkt, aus dem im Frühjahr die neuen Triebe schieben. Bleibt dieses Dach bis zum späten Winter stehen, hält es Feuchtigkeit von innen fern, dämpft Temperaturschwankungen und verhindert, dass Schmelzwasser in den Horst läuft und dort fault.
Abspannen bedeutet, einen Ast mit einem Seil oder Gurt so zu sichern, dass er nicht weiter absinkt oder ausschwingt. Das ist sinnvoll, wenn der Ast noch lebt und der Baum erhalten bleiben soll. Ein typischer Fall: Ein tiefer Ast wächst in den Gehweg hinein, würde aber beim Absägen eine große Wunde am Stamm hinterlassen. Hier kann ein Seil, das an einem stärkeren Ast oder einem Pfahl befestigt wird, den Ast anheben und in eine ungefährliche Position bringen. Wichtig ist, dass der Ast nicht dauerhaft unter Spannung steht, sonst entstehen Risse im Holz.
Der richtige Zeitpunkt liegt in der Zeitspanne, in der der Boden noch kalt ist, aber die ersten Knospen im Inneren des Horstes bereits anschwellen. Je nach Region und Witterung ist das meist zwischen Ende Februar und Anfang April. Ein zuverlässiges Signal: Die Gräser zeigen frische grüne Spitzen tief in der Pflanze, während außen noch die braunen Halme des Vorjahres stehen. Genau jetzt darf geschnitten werden, denn die Pflanze hat den Winter überstanden und der Neuaustrieb ist nah genug, um die Lücke schnell zu schließen.
So wird geschnitten, ohne das Herz zu verletzen Zuerst die alten Halme mit einer Hand zusammenraffen, am besten mit einem breiten Gummiband oder einem Stück Schnur bündeln. Dann mit einer scharfen, sauberen Schere oder einer Heckenschere das Bündel knapp über dem Boden abschneiden. Die Schnittfläche sollte etwa eine Handbreit über dem Erdboden liegen, nicht tiefer. Wer zu tief schneidet, verletzt den Vegetationspunkt und die Pflanze treibt nur kümmerlich oder gar nicht mehr aus. Bei Horsten, die bereits dicht und verfilzt sind, hilft es, den Ballen nach dem Schnitt mit einer Grabegabel leicht zu lockern, damit Luft und Wasser wieder bis zum Herz gelangen.
Ein starker Ast über einem Weg, einem Dach oder einer Leitung lässt sich nicht immer sofort entfernen. Wer die Säge ansetzt, riskiert, dass der Ast unkontrolliert aufbricht und Schäden verursacht. In solchen Fällen ist das Abspannen die bessere Wahl – aber nur, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind. Der Unterschied zwischen Abspannen und Absägen liegt nicht im Werkzeug, sondern im Ziel: Beim Abspannen soll der Ast dauerhaft oder vorübergehend in seiner Lage gehalten werden, beim Absägen wird er ganz entfernt.