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Um einen Riss richtig einzuschätzen, misst man ihn über einen längeren Zeitraum. Dafür eignen sich einfache Hilfsmittel: ein aufgeklebter Papierstreifen, den man mit Datum versieht, oder eine dünne Gipsbrücke über dem Riss. Verändert sich der Streifen oder bricht der Gips, bewegt sich die Wand. Parallel prüft man, ob der Riss nur im Putz sitzt oder bis ins Mauerwerk reicht. Dazu klopft man die Fläche vorsichtig ab: Klingt sie hohl, löst sich der Putz großflächig ab. Ein Blick von der anderen Seite der Wand zeigt, ob der Riss durchgeht. Feuchtigkeitsspuren, Salzausblühungen oder Schimmel weisen auf ein Wasserproblem hin, das zuerst gelöst werden muss.

Ein Haarriss ist dünn, meist unter einem Millimeter breit, und verläuft oft netzartig über den Putz. Typisch sind solche Risse an Übergängen zwischen verschiedenen Materialien, etwa wo Mauerwerk auf Beton trifft oder wo eine Leichtbauwand an die Decke stößt. Sie entstehen durch Schwinden beim Trocknen, durch Temperaturwechsel oder durch minimale Bewegungen. Haarnisse sind fast immer harmlos. Kritisch werden sie nur, wenn Feuchtigkeit eindringt oder wenn sie in einem feuchten Keller oder Bad auftreten, denn dann ist die Ursache meist keine Spannung, sondern Wasser.

Bohrloch prüfen statt rat

Wie die Leitungen in der Wand lieg

Die häufigste Fehlkalkulation betrifft die Trocknungszeiten. Frisch gestrichene Wände brauchen je nach Untergrund und Luftfeuchtigkeit mehrere Tage, bevor Möbel davor gestellt werden dürfen. Parkett oder Laminat müssen nach dem Verlegen mindestens vierundzwanzig Stunden liegen, bevor sie belastet werden. Wer diese Zeiten nicht einplant, schiebt Möbel zu früh zurück und beschädigt die Oberfläche oder drückt Feuchtigkeit in die Wand. Ein weiterer Klassiker: Die alte Wohnung wird bereits gekündigt, obwohl die neue noch nicht fertig ist. Doppelte Miete für einen Monat ist teurer als eine Woche mehr Puffer.

Bevor irgendetwas gestrichen oder verputzt wird, muss die Tragfähigkeit geprüft werden. Ein einfacher Kratztest mit dem Fingernagel oder einem Spachtel zeigt, ob sich Material löst. Beim kreidenden Anstrich reibt man mit einem feuchten Tuch über die Fläche: Färbt es deutlich ab, ist die Farbe nicht mehr bindemittelfähig. Beim sandenden Putz reicht oft schon eine Bürste, um zu sehen, wie tief die Sandung geht. Nur wenn der Untergrund fest und saugfähig ist, darf weitergearbeitet werden.

Beim sandenden Putz arbeitet man sich schrittweise vor: lose Körner mit einer harten Bürste oder einem Spachtel entfernen, dann die Fläche gründlich abwaschen, um Salze und Staub zu beseitigen. Trocknen lassen. Wenn die Oberfläche danach noch immer sandet, muss weiter abgetragen werden. Bei kreidender Farbe hilft oft ein Abwaschen mit einem milden Reinigungsmittel und anschließendem Abbürsten. Dispersionsfarbe, die stark kreidet, lässt sich meist nicht durch Überstreichen retten, weil die alte Schicht keine Haftung mehr bietet.

Nach dem Freilegen eines festen Untergrunds folgt eine passende Grundierung. Sie muss zum späteren Beschichtungsmaterial passen. Bei mineralischen Untergründen sind silikatische oder lösemittelfreie Grundierungen üblich, bei stark saugenden Flächen können zwei dünne Aufträge nötig sein. Wichtig ist, die Trockenzeiten einzuhalten. Zu frühes Überarbeiten führt dazu, dass die Grundierung wieder aufweicht und die Haftung verloren geht. Auch das Mischen von Systemen unterschiedlicher Hersteller ist eine häufige Fehlerquelle.

Am häufigsten wird der Fehler gemacht, einen Riss nur zu überstreichen. Die Farbe reißt innerhalb weniger Monate wieder auf, weil die Ursache bleibt. Ebenso falsch ist es, einen bewegten Riss mit hartem Mörtel zu füllen, ohne die Bewegung zu berücksichtigen. Ein weiteres Problem: Risse werden repariert, ohne vorher Feuchtigkeit auszuschließen. Wer diese Reihenfolge einhält – beobachten, Ursache klären, dann reparieren – spart sich die zweite und dritte Runde an derselben Wand.

Häufige Fehler sind zu schmale Fugen, falsch dimensionierte Fugenbänder oder das nachträgliche Verfüllen mit Mörtel. Eine Fuge muss über die gesamte Bauteildicke reichen und darf nicht mit hartem Material überbrückt werden. Elastische Dichtstoffe sind nur dann sinnvoll, wenn sie die Bewegung aufnehmen können. Wer die Fuge mit Fliesenkleber zuschmiert, hebt ihre Wirkung auf. Ebenso falsch ist es, die Fuge nur optisch anzudeuten, ohne die Bauteile tatsächlich zu trennen.

Bei einem reinen Haarriss genügt es, den Riss mit einem geeigneten Werkzeug leicht zu öffnen, den Staub abzusaugen und mit einem elastischen Füllstoff zu verschließen. Starre Spachtelmasse ist hier ein typischer Fehler: Sie reißt erneut, sobald sich die Wand minimal bewegt. Bei breiteren Rissen, die sich nicht mehr verändern, kann man den Riss V-förmig auskratzen, grundieren und mit Reparaturmörtel verfüllen. Bei Setzrissen mit anhaltender Bewegung ist Spachteln sinnlos. Dann braucht es eine statische Beurteilung, bevor man den Riss dauerhaft schließt. Wer unsicher ist, sollte den Riss dokumentieren und einen Fachmenschen hinzuziehen, statt selbst zu experimentieren.
ago by (120 points)

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